Unser Mutterschiff – Die Evangelische Stiftung Alsterdorf

Die Geschichte beginnt mit einem Mann, der Pädagogik für Behinderte in die Tat umsetzte – und das in Zeiten von Unverständnis gegenüber beeinträchtigten Menschen. Heute, nach 168 Jahren – fortschrittlichen aber auch dunklen Zeiten – gehört die Stiftung zu den größten und modernsten diakonischen Einrichtungen Deutschlands. Eine kurze Reise durch die Zeit.

Wie alles begann

1850 gründete Heinrich Sengelmann die Alsterdorfer Anstalten – die heutige Evangelische Stiftung Alsterdorf. In Hamburg geboren, reiste der studierte Theologe und Doktor der Philosophie viel, machte in anderen Ländern auf seine Arbeit aufmerksam und sammelte dadurch Spenden. Durch seine Arbeit als Seelsorger lernte er den geistig behinderten Carl Coops kennen. Die mangelnden Entwicklungsmöglichkeiten des Jungen veranlassten Heinrich Sengelmann dazu, mithilfe von Spendengeldern das Gelände in Alsterdorf zu kaufen und dort die erste Arbeitsschule zu gründen. Er nahm geistig Gesunde und Beeinträchtigte in diese Schule auf und lehrte sie Handwerk und Kulturtechniken. Seine laufende Arbeit nach Gründung der Arbeitsschule finanzierte er hauptsächlich durch Erträge aus Erbschaft und eigener Landwirtschaft.

Das Gelände der damaligen Anstalten diente der Beschäftigung, Schulung und Unterbringung von Menschen mit Behinderungen und der Selbstversorgung. Der Ansatz von Heinrich Sengelmann, assistenzbedürftige Menschen pädagogisch zu fördern und ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, wird allerdings erst heute wieder umgesetzt.

Ein dunkles Kapitel

Nach dem Tod von Sengelmann übernahm das ehrenamtliche Vorstandsmitglied Paul Stritter die Leitung der Alsterdorfer Anstalten. In seiner Amtszeit hatte er mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen: Drastischer Anstieg der unterzubringenden Personen, Hungersnot, Krankheit, Weltwirtschaftskrise und Krieg.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges unterlag die Pädagogik letztendlich fast gänzlich der Medizin. Pädagogische Ansätze hatten nicht mehr die Priorität wie zu Sengelmanns Zeiten, man setzte verstärkt auf Forschung und medizinische Behandlungsmethoden. Der Sozialdarwinismus („Kranke und Schwache gehen durch natürliche Auslese zugrunde“) erhielt immer mehr Zuspruch.

Dieser gesellschaftliche Wandel wurde später durch den Nationalsozialismus bestärkt. Unter der Leitung von Pastor Friedrich Lensch entwickelte der Oberarzt Dr. Kreyenberg ein Modernisierungs-konzept im Sinne des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts: Sterilisation, Deportation und Vernichtung von Bewohner*innen der Anstalt warfen dunkle Schatten auf die Idee des Gründers.

Von seinem Glauben, alle Menschen seien ein Ebenbild Gottes, war nicht mehr viel zu spüren – im Gegenteil.

Einzelschicksale, die später aufgearbeitet wurden, rufen die Erinnerung an die schrecklichen Umstände der damaligen Zeit wach. Nur 79 von 629 Deportierten haben die systematische „Euthanasie“ durch Verhungernlassen oder Überdosierung von Medikamenten überlebt. Es wird deutlich, dass die Förderung von assistenzbedürftigen Menschen fast komplett vernachlässigt wurde und ein langer Prozess von Wiederaufbau, konzeptionellen Neuanfängen und Großprojekten zu Veränderung führen musste.

Die offizielle Auseinandersetzung mit der eigenen Anstaltsgeschichte setzte allerdings erst sehr spät ein. Anstatt sich beim 150-jährigen Jubiläum selbst zu feiern, nutzte die Stiftung diesen Anlass, um sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und sie in dem Buch „Mitten in Hamburg“ aufzuarbeiten. Herausgekommen ist eine spannende, differenzierte und zu großen Teilen erschütternde Dokumentation über die damalige Zeit.

Zurück zum Ursprung

Der Rückbesinnungsprozess startete mit einem neuen Bebauungsplan für das vorhandene Gelände, der mehr Raum für die knapp 1.200 Bewohner*innen schuf, um therapeutische Ansätze realisieren zu können. Der Bau eines Krankenhauses in Stegen und die Gründung des Werner-Otto-Institutes zur Früherkennung und Behandlung von Behinderungen legten den Grundstein. Allerdings änderte dies vorerst nichts an der Grundsituation: Zu viele Menschen auf viel zu wenig Raum. Die katastrophalen Lebensbedingungen wurden öffentlich. Als Konsequenz wurde 1982 ein weiteres Bauprojekt realisiert und viele Wohnverbünde in weitere Stadtteile Hamburgs verteilt.

1988 wurde im Zuge des Umschwungs aus den „Alsterdorfer Anstalten“ die „Evangelische Stiftung Alsterdorf.“

Die Sonderschule zog in einen Neubau, Hamburgs erste Grundschule mit Integrationsklassen wurde gegründet, es war das Jahr 1989. Man war schon auf einem guten Weg, doch auf der wirtschaftlichen Seite gab es Handlungsbedarf. Der nun vierköpfige Vorstand leitete umfassende Sanierungsmaßnahmen ein und arbeitete nah mit Senat, Kirche und Banken zusammen.

Seit 2005 sind nun alle Leistungsbereiche in gemeinnützige Gesellschaften umgewandelt worden. Mit der Einweihung des Alsterdorfer Markts als Herzstück und der Öffnung des kompletten Geländes für die Bevölkerung schuf die Stiftung zudem einen sozialen Treffpunkt und führte zum Leitgedanken des Gründers zurück. Im Zentrum steht der Mensch mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen, Autonomie in Kombination mit professioneller Unterstützung dient als Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben.

Auch auf arbeitsrechtlicher Ebene setzt die Stiftung den Weg der Teilhalbe fort. Seit 2015 ist die Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche keine Zugangsvoraussetzung für Mitarbeitende mehr. Vielmehr wird die Inklusion aller Glaubensrichtungen und Überzeugungen angestrebt, sofern nach den Prinzipien des christlichen Menschenbildes gelebt und gearbeitet wird.

Stiftung Aktuell

Das Ziel, die Stiftung Alsterdorf und das Stiftungsgelände durch stetige Entwicklung zum inklusiven Treffpunkt und Quartier zu entwickeln wurde erreicht und hat mehrere Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Inklusionspreis „Wegbereiter der Inklusion“. Heute beschäftigt die Stiftung mehr als 6.500 Mitarbeitende an 180 Standorten in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Die Aufgabenfelder sind vielseitig: Assistenz-, Wohn- und Bildungsangebote für Menschen mit Behinderung; medizinische, psychiatrische und therapeutische Behandlungen in Kliniken; Seniorenhilfe und Pflege – ambulant oder stationär. Darüber hinaus stellt die Stiftung vielfältige Bildungsangebote in Kindertagesstätten, allgemeinbildenden und Berufsfachschulen bereit.

Heinrich Sengelmann legte vor 168 Jahren den Grundstein dafür, dass heute Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Für die ausführliche Geschichte klickt Euch durch unter www.alsterdorf.de

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Unsere Wortakrobatin 007 mit der Lizenz zum verbalen Entwaffnen beweist immer wieder aufs Neue was mit Sprache alles möglich ist. Ihre Kompetenzliste ist lang: Texten & Sharen, Beraten & Gestalten, Organisieren & Strukturieren. Ihr Motto im Arbeitsalltag: "Humor ist Frauensache". Ihre Geheimwaffe: geistreiche Pointen und Kaffee. Zu unserem Glück pendelt die gebürtige Wienerin jetzt nur noch zwischen online und offline Welten.

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